Die Jagd nach Santa – oder: Was hat Goethe mit Turku zu tun?

Als ich Ende November ins finnische Turku flog, war mir klar, dass das nicht die optimale Reisezeit ist. Alle, denen ich im Vorfeld davon erzählte, warnten mich – vor allem vor dem Wetter. Meine damalige Englisch-Lehrerin Laura, selbst US-Amerikanerin, aber gerade frisch verheiratet mit einem Finnen, dessen Mutter aus Turku kommt, übermittelte mir, dass dort kaum etwas zu unternehmen sei in der Winterzeit. Und die folge direkt auf den Sommer, der im August ende. Man könne aber immer in die Sauna gehen. – Aber das ist in Finnland ja selbstredend.

Auf Tuchfühlung mit Turku

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Empfangshalle vom Flughafen Turku

Auf eine öde Zeit vorbereitet, begleitete ich den Schweden, der an einer der beiden Universitäten zu einem Kongress eingeladen war. Ich wollte einfach raus aus meinem Berliner Alltag und mal wieder etwas anderes sehen. Turku liegt im Süd-Westen Finnlands an der Ostsee, die man aber nicht als solche wahrnimmt, weil dort alles voll mit Schären ist – der Insellandschaft mit abertausend Eilanden, die sich zwischen Finnland und Schweden erstreckt. Dorthin zu fahren, fand ich trotz – oder vielleicht sogar wegen der Warnungen irgendwie „exotisch“. Ich war vorher noch nie in Finnland gewesen. Und die Tatsache, dass sich die älteste Stadt des Landes nicht von ihrer besten Seite zeigen würde, spornte mich an. Ich wollte ihr wahres Gesicht sehen – und erwartete ein ziemlich hässliches: dunkel, kalt, grau, einfach deprimierend.

Weiterhin stand die Frage im Raum, was ich in Turku machen könnte. Die Muminwelt, Heimat der Mumins, der nilpferdartigen, liebenswürdigen Trollwesen, die sich die finnlandschwedische Schriftstellerin Tove Jansson vor langer Zeit ausgedacht hatte, und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Region (nun ja, wahrscheinlich eher für Kinder, aber ich wäre bereit gewesen), war geschlossen. Im Wäino Aaltosen Museum für moderne Kunst wurde gerade eine neue Ausstellung vorbereitet. Schifffahrten durch die Schären waren eingestellt.

So heißt Turku auf schwedisch

So heißt Turku auf schwedisch

Dass ich ebenfalls den Kongress besuche, war übrigens ausgeschlossen, denn ich spreche keine skandinavische Sprache. Also beschloss ich, angetrieben durch meine grenzenlose Neugier, die Stadt auf eigene Faust zu entdecken, während der Schwede Vorträgen lauschen und selbst einen halten sollte.

Dem prominenten Finnen auf der Spur

Für mein Abenteuer wählte ich ein Thema: Gehört Finnland nicht zu den Ländern, die für sich beanspruchen, die Heimat vom Weihnachtsmann zu sein? Ich schnappte meine Kamera, um Beweise zu sammeln. Der erste Advent stand bevor und damit die Zeit des Jahres, in der der Kitsch in der christlichen Welt explodiert. Normalerweise.

Nicht so in Turku: Ich konnte nicht finden, was ich suchte, obwohl ich offen für vieles und etliche Kilometer zu Fuß unterwegs war. Die Stadt weigerte sich komplett, gefällig oder gar festlich zu sein. Ganz zu schweigen von einer authentischen nordischen Weihnachtsstimmung, wie man sie sich stereotypisch so vorstellt.

Meine Jagd nach dem Weihnachtsmann führte mich den Aurajoki-Fluss entlang. Dort ist das kulturelle und kulinarische Zentrum der Stadt. Und dort liegen auch die Kathedrale, das Schloss und der Hafen. Schöne Orte und eigentlich auch nicht so weit voneinander entfernt, aber weit genug für uns beide – meine Kamera und mich -, um klitschnass zu werden. Der Dauerregen hatte entschieden: Die Jagd war für den Tag gelaufen. Die beschlagene Kamera machte nur noch verschwommene Bilder. Ich ging zum Trocknen zurück ins Hotel.

Pizza im Namen des Fluchthelfers

Abends: Essen gehen in einer Pizzeria namens Niska. Die Speisekarte erklärte, wer das war: Algoth Niska lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war Abenteurer, Schmuggler und finnischer Fußball-Nationalspieler. Ein echter Kerl also. Und ein Held: Der Besitzer mehrerer Boote half Juden, vor den Nazis ins relativ sichere Finnland zu fliehen. Fast alle Pizzen, hier Platbröd genannt, verwiesen namentlich auf Niskas Geschichte, die historisch allerdings wohl nicht verbrieft ist. Aber das Essen war sehr lecker, mit regionalen Produkten wie Lamm-Fleisch von den Schären.

Infos über Algoth Niska auf Wikipedia

Am nächsten Tag machte ich mich wieder auf, um saisonalen Kitsch zu finden. Und dieses Mal klappte es: Da war der Weihnachtsmarkt. Weitaus weniger pompös und überlaufen als die Weihnachtsmärkte, die ich in Deutschland kenne, dafür umso malerischer. Und er war da: Der gute, alte Santa mit seiner ganzen Familie. Eigentlich bin ich nicht sicher, welche Beziehung die vier Gestalten in rot-weiß zueinander hatten. Auf jeden Fall hörten sie zusammen aufmerksam den Wünschen der Kinder zu. Wenn die vor lauter Ehrfurcht nicht völlig erstarrt waren.

Das war also geschafft! Eine weitere Herausforderung blieb der Weihnachtsbaum vor der Kathedrale, bis ganz zum Schluss. Wie oft bin ich dort hin gegangen, um ihn beleuchtet zu erwischen! Und es dauerte noch mal einen ganzen Tag, bis er in vollem Glanze dastand. Nachträglich mag ich die Fotos viel lieber, auf denen der Baum unbeleuchtet ist – man sehe selbst:

Wie bei Kaurismäki

Die alte Stadt hatte mir also ihr wahres Gesicht gezeigt und das war dunkel, kalt und grau – aber keinesfalls deprimierend. Ich bin Turkus sprödem Charme erlegen. Egal, dass es keinen Schnee gab, die Museen geschlossen und Insel-Hopping nicht möglich war. Ich erlebte Turku als total entschleunigt und fand das sehr gemütlich. Der Geschmack von „Korvapuusti“, Zimtschnecken, und dem „Glöggi“ genannten Glühwein liegt mir auf der Zunge, wenn ich an meine Tage dort denke. Auch die Sprache hat es mir angetan: Auf sieben Buchstaben können vier ä wie in „älkääkä“ kommen – ein Wort, dass ich auf einer Hygiene-Tüte fand und das „und nicht“ bedeutet. Und ich mochte die Cafés, Bars und Rockerkneipen, die zahlreich Straßen, Plätze und vor allem den Fluss säumen, und die sich nachts erstaunlich füllten mit Menschenmengen, die mir tagsüber nicht begegneten. Es war alles fast so, wie wir das aus Kaurismäki-Filmen kennen und lieben.

Und jetzt zur Beantwortung der Titel-Frage: Was hat Goethe mit Turku zu tun? Soweit ich weiß, war er niemals dort. Aber Anlass, nach Turku zu fahren, war ein Kongress über Goethes Zeit-Konzept. Wann auch immer ich Zeit mit dem Schweden verbrachte, erzählte er mir ausgiebig über die Tagung der nordischen Goethe-Forscher – ein kleines eingeschworenes Grüppchen, das sich alle zwei Jahre an wechselnden Orten im hohen Norden trifft, um sich auf schwedisch-dänisch-norwegisch und etwas „nerdig“ über das Schaffen des großen deutschen Dichters auszutauschen. Deshalb sind Goethe und Turku in meinem Kopf untrennbar und auf ewig miteinander verknüpft.

Noch mehr Turku, abseits der Urlauber-Pfade:

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