Jordan und Totes Meer: Wasser-Not in Nahost

Blühende Kultur-Landschaften und Nationalparks im Norden und eine in ihrer Kargheit besonders schöne Gegend im Süden am tiefsten Landpunkt der Erde: Hätte es Augen, bekäme ein Wassermolekül im Jordan auf dem Weg von einer der Quellen bis zum Toten Meer ganz schön was zu sehen. Leider schaffen die meisten H2Os nicht den ganzen Weg, obwohl der Jordan nur rund 250 Kilometer lang ist. Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe. Um denen nachzugehen, bin ich im Juli 2015 den biblischen Fluss in seiner ganzen Länge abgefahren. Ich wollte herausfinden, wie das dort mit dem Wasser ist – die kostbare Ressource ist eins der zentralen Probleme im Nahost-Konflikt. Bei meiner Reise hat mich vor allem interessiert, was Aktivisten und Fachleute gegen die Wassernot und die katastrophalen Folgen für die Umwelt unternehmen und wie sie Einfluss auf die Politik nehmen. Einige von ihnen habe ich getroffen.

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Prekäre Wassersituation

Es gibt grundsätzlich zu wenig Wasser im Nahen Osten. Und mit dem, was es gibt, wird oftmals Macht und Kontrolle ausgeübt. Die Palästinenser im Gazastreifen und im Westjordanland sind bei der Wasserversorgung nahezu komplett auf Israel angewiesen. Auch die anhaltende Flüchtlingskrise in der Region verschärft die Lage – die meisten Syrer fliehen ja nicht nach Deutschland oder Schweden vor dem Bürgerkrieg bei sich zu Hause, sondern vor allem in die Nachbarländer Libanon, Jordanien und Türkei. Und Jordanien gehört zu den wasserärmsten Ländern der Erde.

Der Mount Hermon

Der Mount Hermon

Meine erste Etappe führt mich vom südlichen Ende des See Genezareth, wo ich für zwei Nächte eine Bleibe habe, über die Golanhöhen, die am Ostufer ansteigen, in Richtung Norden. Einer der Quellflüsse des Jordan, der Banyas, kommt aus dem Mount Hermon, dem mit rund 2800 Metern höchsten Berg der Region, der im Norden der Golanhöhen liegt. Der Gipfel des langgestreckten Bergmassivs liegt in Syrien. Die Golanhöhen, die eigentlich auch zu Syrien gehören, sind seit dem Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967 von Israel besetzt. Ein wesentlicher Grund dafür ist, die Wasser-Versorgung des Landes zu sichern.

Aussichtspunkt auf den Golanhöhen Richtung Syrien

Aussichtspunkt auf den Golanhöhen Richtung Syrien

Bei der Fahrt über die Golanhöhen sehe ich vieles, was an die Kämpfe von damals erinnert: Zerschossene Gebäude, Schützengräben, Gedenkorte für im Krieg getötete Soldaten; große Gebiete sind vermint. Auch der Bürgerkrieg in Syrien ist nah: Im Osten höre ich schwere Explosionen. In der angrenzenden syrischen Provinz Daraa liefern sich die Truppen von Präsident Assad erbitterte Kämpfe mit den Terrormilizen „Islamischer Staat“ und „Al-Nusra-Front“, dem syrischen Arm von Al Kaida, sowie gemäßigteren Rebellen. Immer wieder versuchen Terroristen über die Golanhöhen nach Israel einzusickern.

Israels fruchtbarer Norden

Israel nutzt die Golanhöhen landwirtschaftlich: Es gibt Plantagen für Obst und Schnittblumen, Kornfelder, Rinderweiden; und Wein wird dort angebaut.

Vom nord-östlichsten Eck, das Israel für sich beansprucht, fahre ich runter ins Jordantal, dorthin, wo der Banyas aus dem Berg kommt. Die alten Griechen hatten dort 300 v. Chr. zu Ehren des Hirtengottes Pan einen Tempel errichtet, die Überreste sind gut zu erkennen. Im Banyas-Nationalpark gibt es Wasserfälle und dichtes Grün, es wachsen unter anderem Birken und Feigenbäume, von denen ein betörender Duft ausgeht.

Eiche im Hurshat Tal-Nationalpark (hier entspringt der Quellfluss Dan)

Eiche im Hurshattal-Nationalpark

Anschließend geht es zum Hurshattal-Nationalpark, wo ein anderer Quellfluss des Jordan entspringt: der Dan. Der Park ist berühmt für die mehr als 200 Tabor-Eichen, die dort stehen. Birken und Eichen – eine eigentümliche Vegetation für den Orient, finde ich. Der Hurshattal-Nationalpark ist ein beliebtes Ausflugsziel, mit Campingplatz und einem großen Schwimmbecken, gefüllt mit dem Wasser des Dan. Ich gehe dort baden: Mit unter 20 Grad Celsius ist das Wasser genau richtig, um sich bei Lufttemperaturen von um die 40 Grad zu erfrischen.

Bewässerungsanlage in Nord Galiläa

Bewässerungsanlage in Nord-Galiläa

Der dritte Quellfluss des Jordan ist der Hasbani, der aus dem Libanon kommt. Die Landschaft in Nord-Galiläa ist vielfältig und fruchtbar, hier scheint es genug Wasser zu geben, um die landwirtschaftlichen Flächen ausgiebig zu bewässern.

Der See Genezareth – zentraler Süßwasserspeicher

Auf der Straße 90, die bis zum Toten Meer parallel zum Jordan läuft, begebe ich mich Richtung Süden. Der Blick zum See Genezareth tut sich auf, spiegelglatt liegt er im Abendlicht da. Der Jordan mündet in den See – das Gewässer, auf dem Jesus und seine Jünger als Fischer unterwegs gewesen sein sollen, ist das wichtigste Süßwasser-Reservoir für Israel und das mit Abstand größte im Nahen Osten. Seine Oberfläche liegt 212 Meter unter dem Meeresspiegel, damit ist er der am tiefsten gelegene Süßwassersee der Erde. Auffällig ist, dass dort keine Schiffe fahren. Auch, wenn man ihm das nicht unmittelbar ansieht, der See hat seit Jahren chronisch zu wenig Wasser. Es regnet zu wenig, außerdem leitet Israel von hier aus große Mengen über den „National Water Carrier“, eins der größten Wasserverteilsysteme der Welt, ins eigene Land bis zur Wüste Negev um, und auch nach Jordanien – eine Vereinbarung im Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern.

Siebert

Christian Siebert, Hydro-Geologe vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung

Im Süden des Sees, an der Stelle, an der der Jordan in seinen Unterlauf austritt, treffe ich am nächsten Morgen Christian Siebert. Der Hydro-Geologe vom Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig untersucht den Jordan seit Jahren. Er entnimmt dem Fluss Wasser- und Sediment-Proben und analysiert die Zusammensetzung.

Der Untere Jordan: Ein dreckiges Rinnsal

Christian Siebert erzählt mir, dass der Untere Jordan – der Fluss-Abschnitt zwischen See Genezareth und Totem Meer – heute nur ungefähr ein Zehntel des Wassers führe, was er natürlich hätte. Die Anrainer Israel, Palästina und Jordanien zapfen den Fluss seit Jahrzehnten massiv an, hauptsächlich für die Landwirtschaft. Bis 2013 habe der Unterlauf des Jordan zudem fast nur aus dem Yarmouk bestanden, der südlich des See Genezareth aus Jordanien zufließt, bis dahin habe Israel kein Wasser aus dem See herausgelassen, erzählt Siebert. Nur das Wasser aus salzhaltigen Quellen, das in der Gegend weit verbreitet ist, im „Salinity Diversion Channel“ abgefangen und so vom Süßwasser getrennt wird, leitete Israel in den Unteren Jordan. Auch aus Jordanien und Palästina kommt bisher vor allem ungeklärtes Abwasser.

Christian Siebert über die Zusammensetzung des Unteren Jordan:

Um den Fluss steht es also nicht gut. Allmählich entwickelt sich aber ein Bewusstsein für Umweltschutz im Nahen Osten – auch dank der Arbeit von Christian Siebert und seiner Kollegen, die ihre Analysen an die Entscheider der Wasserpolitik herantragen. So hat der Wasserminister von Jordanien, Hazim al Nasser, die dezentrale Abwasser-Reinigung, ein bisher eher wenig beachtetes Thema, offiziell in die „Jordan Water-Strategy“ aufgenommen. Auch zum israelischen Wasserversorger Mekorot und der palästinensischen Wasserbehörde pflege man gute Kontakte, so Siebert.

Dabei erweist sich die angestrebte Abwasser-Aufbereitung laut Siebert als doppelbödiges Thema: sauberes Wasser würde lieber für die Landwirtschaft verbraucht als dem Jordan zugeführt. Das heißt, der Wasser-Stand von Fluss und Totem Meer würde möglicherweise noch weiter heruntergehen, wenn das potentiell zuführbare Wasser geklärt würde.

Grenzübergreifende Kooperationen

Das Helmholtz-Institut fördert ein grenzübergreifendes Verbund-Projekt, in dem zahlreiche Universitäten, Organisation und politische Institutionen aus Israel, Palästina und Jordanien zusammenarbeiten, um einzelne Wasserkreislauf-Komponenten zu bestimmen und zu verbessern.

Helmholtz Virtual Institute: Verbundprojekt des Helmholtz-Instituts zum Schutz des Toten Meeres (eng.)

Die Projekt-Teilnehmer treffen sich unabhängig von der politischen Lage im Nahen Osten, also auch dann, wenn sich der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wieder zuspitzt. Mit ihren Untersuchungen wollen die Wissenschaftler vor allem die Umweltkatastrophe am Toten Meer, in das der Jordan mündet, abwenden: Der Wasserspiegel des stark salzhaltigen Gewässers sinkt seit über 30 Jahren kontinuierlich immer weiter ab – ungefähr um einen Meter pro Jahr.

Die Friedensinsel Naharaim im jordanisch-israelischen Grenzbereich

Die Friedensinsel „Naharaim“ im jordanisch-israelischen Grenzbereich

Ich fahre weiter – einen Patrouillenweg entlang der israelisch-jordanischen Grenze nach Naharaim, der Friedensinsel, die für den Friedensschluss zwischen Israel und Jordanien 1994 steht. Dort befindet sich auch ein Gedenkort für sieben israelische Schülerinnen, die 1997 von einem jordanischen Soldaten auf der Friedensinsel erschossen wurden, das Motiv dafür konnte nie geklärt werden. Auf dem Weg komme ich an die Stelle, an der Jordan und Yarmouk zusammenfließen. Der Yarmouk führt deutlich mehr Wasser. In Naharaim bekomme ich für 10 Schekel, umgerechnet 2,50 Euro, eine Orientierungskarte und werde von einem israelischen Soldaten auf die Friedensinsel und damit in den Grenzbereich hineingelassen, zu einem Aussichtsweg auf den Yarmouk und ein ehemaliges Wasserwerk. Ich finde es aufregend, mich im Niemandsland frei bewegen zu dürfen zwischen Wachtürmen und Stacheldraht. Auch Christian Siebert kommt im Lauf des Tages nach Naharaim – hier ist eine seiner Mess-Stellen.

Begegnungen auf der Friedensinsel

Bei dem Versuch, ihn auf dem Gelände zu treffen, kommt es zu einem ernsthaften Zwischenfall. Siebert ist mit seinem Mitarbeiter unterwegs und sieht mich nicht, ich gehe den beiden über eine Brücke hinterher, auf der Warnschilder stehen, dass sie einsturzgefährdet sei. Ich bin überzeugt, dass sie mich trägt und gehe weiter. Siebert und seinen Kollegen sehe ich nicht mehr, stehe aber recht unvermittelt vor einem Tor, auf dem die Konterfeis des jordanischen Königs und seines Vorgängers und Vaters abgebildet sind – dem jordanischen Checkpoint.

Jordanisches Grenztor - mit den Porträts der Könige Hussein und Abdullah II.

Jordanisches Grenztor – mit den Porträts der Könige Hussein und Abdullah II.

Ich fotografiere das Tor und wundere mich etwas, dass an einem der Fenster eine Hose hängt. Immer noch fest der Meinung, Christian Siebert dort irgendwo zu finden, passiere ich das Tor. Auf der Rückseite befinden sich zu beiden Seiten kleine Räume, dort sitzen die Grenzsoldaten. Auf meinen Gruß reagieren sie nicht, womöglich dösen sie leichtbekleidet vor sich hin – es ist sehr heiß und außerdem Ramadan – ich achte nicht so genau darauf und gehe weiter in die Steinwüste. Der Hydro-Geologe ist dort nicht zu finden. Auch kein Wasser mehr weit und breit. Ich kehre um. Jetzt sieht es vor dem jordanischen Grenztor anders aus: Die beiden Soldaten stehen in voller Montur und bewaffnet davor – obwohl sie nur arabisch sprechen, ist klar: sie wollen mich nicht nach Israel zurücklassen.

Nach einer Weile kommt ein Geländefahrzeug mit weiteren Soldaten. Ein junger jordanischer Offizier spricht englisch. Er sagt, die Grenzposten behaupten, dass ich nicht aus Israel gekommen sei. Das Foto des Tores, eine gute halbe Stunde vorher von der israelischen Seite aus aufgenommen, lassen sie nicht gelten. Ein weiteres Militärfahrzeug mit dem Kommandanten der Truppe und noch mehr Soldaten erreicht das Tor. Der Kommandant und der englisch sprechende Offizier telefonieren ununterbrochen. Während der aufgeregten Gespräche, die die Soldaten untereinander parallel zu meiner Befragung auf arabisch führen, fällt immer wieder das Wort „Daesh“, wie ich weiß, der arabische Begriff für die Terrororganisation „Islamischer Staat“. Ich beteure, damit nichts zu tun zu haben, und bitte Christian Siebert telefonisch um Hilfe.

Eigentlich schon auf dem Weg zur nächsten Messstelle, kommt er zurück. Wegen seiner Arbeit hat er gute Kontakte zum israelischen Militär. Damit hilft er mir: Ein israelischer Verbindungsoffizier und eine Ansammlung von etwa einem Dutzend Soldaten plus Fahrzeugen jenseits der einsturzgefährdeten Brücke, die ich offenbar nicht hätte betreten dürfen, überzeugen die Jordanier letztendlich davon, mich gehen zu lassen – aber erst nach zweieinhalb Stunden zunehmend angespannten Wartens und Verhandelns. Mir ist das alles sehr unangenehm – ich entschuldige mich bei allen und fahre schnell weiter.

Lebensader und Ikone

Nächstes Ziel für mich ist Qasr el-Yahud, einige Kilometer nördlich vom Toten Meer, ungefähr auf Höhe der Stadt Jericho. Hier ist der Ort, an dem Jesus von Johannes dem Täufer im Jordan getauft worden sein soll. Von der Taufstelle hatte auch Christian Siebert gesprochen, hier steht eine ständige Wasser-Messstation. Qasr el-Yahud liegt im palästinesischen Westjordanland, ist aber, wie der ganze Bereich, der an Jordanien und damit den Jordan grenzt, unter israelischer Kontrolle. An vielen Stellen ist das Ufer unzugänglich und vermint.

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Taufbecken in Qasr el-Yahud

Die Taufstelle ist ein ruhiger, idyllischer Ort. Für zehn Minuten bin ich hier so gut wie allein. Der Jordan ist nur wenige Meter breit, direkt gegenüber am anderen Ufer liegt Bethanien, wie die Taufstelle auf jordanischer Seite heißt. Seit Juli 2015 ist sie UNESCO-Weltkulturerbe.

Mehrere Busse mit Pilgern kommen an. Es sind Russen, von denen die meisten in den Fluss eintauchen. Mir kommt das fast wie eine Mutprobe vor, denn das Wasser ist dickflüssig und gelblich-grün – niemals würde ich dort hineingehen.

Über den Jordan gehen

Es gibt eine weitere Taufstelle, Yardenit, ganz in der Nähe vom See Genezareth, dort ist die Wasser-Qualität noch deutlich besser. Qasr el-Yahud war lange Zeit aus politischen Gründen nicht zugänglich. Etwa eine Million Christen besucht jedes Jahr die drei Taufstellen am Jordan.

Auch für die Juden und Moslems ist der Fluss von religiöser Bedeutung. Zurzeit des Alten Testaments zogen die Israeliten über den Jordan aus der Wüste ins gelobte Land ein. Der Gang über den Jordan steht also für den Einzug ins Paradies und ist somit Symbol des Sterbens und des Lebens nach dem Tod. Weil einige Gefährten des Propheten Mohammed an seinem Ostufer begraben sein sollen, ist der Fluss für die Moslems wichtig.

Ausbeutung des Toten Meeres

Im Kibbuz Ein Gedi am Toten Meer treffe ich Gundi Schachal, Umweltaktivistin bei EcoPeace Middle East, einer der führenden Umweltorganisationen in der Region, und die einzige, in der Israel, Palästina und Jordanien grenzübergreifend zusammenarbeiten, mit drei gleich gestellten Direktoren. EcoPeace Middle East setzt sich für Umweltschutz und Frieden im Nahen Osten ein und finanziert Forschungsprojekte zum Themenkomplex Wasser. Je nach Region hat die Organisation unterschiedliche Schwerpunkte. EcoPeace geht davon aus, dass die drei Länder voneinander abhängig sind, was die Lösung ihrer Umweltprobleme angeht, auch wenn sich Israel bald durch Meerwasserentsalzung unabhängig von anderen mit Trinkwasser versorgen kann.

Homepage von EcoPeace Middle East (eng.)

Gundi

Gundi Shachal, Umweltaktivistin bei EcoPeace Middle East

Gundi Shachal ist in den 1980er Jahren aus Deutschland nach Israel ausgewandert und lebt seitdem in Ein Gedi. Sie kennt sich bestens mit den Zuständen am Toten Meer, das eigentlich ein See und extrem salzig ist, aus. Sein Wasserspiegel liegt derzeit bei knapp 430 Meter unter Normalnull.

Neben dem Wassermangel des Jordan benennt Gundi als weiteren Faktor, der massiv zum Absinken des Wasserspiegels beiträgt, die industrielle Mineralsalzgewinnung im Südbecken des Toten Meeres. Die Pottasche-Fabriken, sowohl auf der israelischen als auch der jordanischen Seite, tragen laut Gundi zu 40 Prozent des Schadens bei: Sie pumpen Wasser aus dem nördlichen in das südliche Becken des Toten Meeres, um es dort verdunsten zu lassen. Für den hohen Wasser-Verbrauch müssen sie nichts zahlen und sie investieren auch nicht in moderne, umweltschonende Technologien, weil es so günstiger für sie ist. Dabei handelt es sich bei der Mineralsalzgewinnung um einen riesigen Wirtschaftsfaktor, die Fabriken machen die größten Umsätze im ganzen Nahen Osten. EcoPeace Middle East hat in letzter Zeit die Diskussion in der Knesset, dem israelischen Parlament, über diese nicht tragbaren Zustände angestoßen.

Salzkristalle im Toten Meer

Salzkristalle im Toten Meer

Denn der Rückgang des Toten Meeres verursacht katastrophale Umweltschäden. Sinkholes (Schlundlöcher), teilweise mehrere Meter tief oder breit, entstehen: Grund- und Regenwasser, das von den angrenzenden Berghängen in den See fließt, wäscht die Salzschicht unter der Erdoberfläche aus und hinterlässt dort, wo mal das Wasser stand, Hohlräume, die beispielsweise durch tektonische Verschiebungen jederzeit einbrechen können – das Tote Meer liegt, wie auch der Jordan, auf dem sogenannten Großen Afrikanischen Grabenbruch, hier schieben sich die Afrikanische Kontinental- und die Arabische Erdplatte gegeneinander, es ist also ein potentielles Erdbebengebiet.

Mittlerweile soll es allein 4.000 „Sinkholes“ am westlichen Ufer des Sees geben, pro Tag entsteht durchschnittlich ein weiteres. Besonders fatal wirken sie sich aber auf der jordanischen Ufer-Seite aus, wo sie sich vor allem in dem am dichtesten besiedelten Gebiet, bei dem Ort Al Mazraa, konzentrieren.

Gundi Shachal über „Sinkholes“ auf der jordanischen Seite des Toten Meeres:

Um das Schrumpfen des Gewässers zu stoppen, haben Israel und Jordanien 2013 das Abkommen geschlossen, eine 180 Kilometer lange Pipeline zu bauen, über die dem Toten Meer Wasser von Roten Meer zugeführt werden soll.

Gundi Shachal und ihre Mitstreiter sind gegen diese aufwändige Maßnahme, denn die Folgen für die Umwelt sind nicht absehbar. Das Öko-System des Toten Meeres könnte kippen, da die chemische Zusammensetzung der beiden Gewässer sehr unterschiedlich ist.

Christian Siebert über die möglichen ökologischen Konsequenzen des Red-Dead-Projekts:

Aber es werden laut Gundi auch Schritte in die richtige Richtung unternommen: Meerwasser-Entsalzung ist die Lösung der Wasserprobleme in der Region, obwohl sowohl die Energie- als auch Transport-Kosten dafür sehr hoch sind. Zwischen Israel und Jordanien gibt es ein weiteres Wasser-Abkommen, das Gundi im Gegensatz zum Red-Dead-Projekt gutheißt: Die beiden Länder wollen Wasser aus Entsalzungs-Anlagen am Roten Meer und dem Mittelmeer gegenseitig austauschen und können sich so lange, teure Lieferwege sparen.

Gundi Shachal über das Abkommen, Wasser aus Entsalzungsanlagen auszutauschen:

„Ein durstiger Nachbar ist kein guter Nachbar“

sagt Gundi mit Blick auf den Kernkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern. EcoPeace Middle East arbeitet auch daran, die ungleiche Wasser-Verteilung zwischen Israel und Palästina zu beseitigen – unabhängig von einem Friedensabkommen zwischen den Völkern, das in weiter Ferne liegt – unter anderem mit der Kampagne „Water cannot wait“. Die Palästinenser im Westjordanland haben zu wenig Wasser. Im Gaza-Streifen hat sich der Mangel an Trinkwasser inzwischen sogar zur humanitären Katastrophe ausgewachsen. Die Versorgung mit Trinkwasser ist so essentiell, dass der Streit um die Bedingungen dafür einer Lösung des Problems nicht länger entgegenstehen darf.

Wie die Bevölkerung mit Wasser versorgt wird, hängt davon ab, in welchem Bereich des Westjordanlandes sie lebt: In den Autonomiegebieten steht der Bevölkerung mehr davon zur Verfügung als in den von Israel besetzten und kontrollierten C-Gebieten. Das Jordan-Tal ist ein solches C-Gebiet – dort ist es der palästinensischen Bevölkerung weder erlaubt, die Infrastruktur der jüdischen Siedler zu nutzen, noch eine eigene zu schaffen, also Brunnen oder Wasserleitungen zu bauen. Überwacht wird das Wasser vom Militär. Viele Palästinenser sammeln deshalb Regenwasser in großen Zisternen auf ihren Dächern. Wenn es nicht genug regnet, bleibt nur der teuere Kauf vom Tanklaster. Sowohl die Vereinten Nationen als auch Amnesty International haben festgestellt und kritisiert, dass den Siedlern durchschnittlich fünf Mal so viel Wasser zur Verfügung steht als den Palästinensern.

Umwelterziehung und Ökotourismus im Jordantal

Malek Abu Alfailat, Direktor des Umweltzentrums in Auja, vor einer Wasser-Karte

Malek Abu Alfailat, Direktor des Umweltzentrums in Auja, vor einer Wasser-geologischen Karte des Nahen Ostens

Im Oslo II-Friedensabkommen von 1995 wurde die Wasser-Verteilung zwischen Israelis und Palästinensern geregelt, ein gemeinsames Wasser-Kommitee eingesetzt. Demnach sollten beide die Wasservorkommen im Westjordanland gemeinsam nutzen. Wie kläglich dieses Abkommen für die Palästinenser gescheitert, wie ungünstig es sich auf sie ausgewirkt hat, das erzählt mir Malek Abu Alfailat, der Direktor des Umweltzentrums in Auja, einer weiteren Filiale von EcoPeace Middle East.

Homepage vom Auja EcoCenter (eng.)

Auja liegt nördlich von Jericho im Jordantal und ist eine Art Schlüsselort für die Wasserprobleme der Palästinenser. Die gleichnamige Quelle ist eine der wichtigsten Süßwasserquellen im Westjordanland, inzwischen aber versalzen und nahezu ausgetrocknet. Also der richtige Ort, um Aufmerksamkeit für Themen wie nachhaltige Landwirtschaft, Abwasser-Reinigung und das Grundrecht auf Wasser zu erzeugen. Das Umweltzentrum gibt es seit 2009, Malek leitet es seit diesem Jahr. Keine einfache Aufgabe, denn sowohl Palästinenser als auch Israelis werden oftmals von den eigenen Leuten angefeindet, wenn sie mit den jeweils Anderen zusammenarbeiten.

Malek Abu Alfailat über die ungerechte Wasserverteilung in Palästina (eng.):

Neben einer Art Freizeitpark, in dem vor allem Kinder für Umweltschutz sensibilisiert werden sollen, hat das Umweltzentrum von Auja ein Gästehaus, in dem bis zu 68 Menschen untergebracht werden können.

Malek Abu Alfailat im Außenbereich des Umweltzentrums von Auja

Malek Abu Alfailat im Außenbereich des Umweltzentrums von Auja

Von hier aus werden Wanderungen zu Fuß und mit dem Rad veranstaltet. Das Ziel ist, Ökotourismus zu etablieren und damit ein Bewusstsein für die Einzigartigkeit des Jordantals zu schaffen. Allerdings ist das, wie so vieles in der Region, kompliziert, erzählt Malek. Denn die Palästinenser haben keine Genehmigung, sich frei zu bewegen. Die Ausflüge können also nur auf ganz bestimmten Wegen stattfinden.

Malek ist auch Projektleiter des „Good Water Neighbors“-Projekt. Damit soll unter anderem die Kooperation Jugendlicher aus den drei beteiligten Ländern gefördert werden – was die Umwelt betrifft, aber auch allgemein: Frieden stiften über das gemeinsame Engagement für die gemeinsame Umgebung.

Malek Abu Alfailat über das „Good Water Neighbors“-Projekt (eng.):

Masterplan für das Jordantal

Malek erzählt vom NGO Masterplan, den EcoPeace Middle East gemeinsam mit dem Global Nature Fund und dem Stockholm International Water Institute (SIWI) zur Renaturierung des Jordan und der nachhaltigen Entwicklung des Jordantals entworfen und im Juni 2015 öffentlich vorgestellt hat. Palästinensische, jordanische und israelische Wissenschaftler und Organisationen haben dafür in gemischten Teams Daten zur wirtschaftlichen, sozialen und ökologische Lage gesammelt. Finanziert hat das die Europäische Union.

Dieser Masterplan sieht 127 Projekte vor, umgerechnet knapp 4,2 Milliarden Euro sollen bis zum Jahr 2050 investiert werden, um aus dem Unteren Jordan wieder ein funktionsfähiges Ökosystem zu machen. Mit einigen dieser Maßnahmen könnte sofort begonnen werden. Die Finanzierung ist gesichert durch Geldgeber aus den USA, Schweden und der EU, jetzt hängt es am politischen Willen der regionalen Regierungen.

Ein Knackpunkt: Der Masterplan sieht auch die Zwei-Staaten-Lösung vor, schon bis zum Jahr 2020, Palästinas Außengrenze soll das Jordantal sein. Das Gebiet beansprucht Israel aus Sicherheitsgründen für sich, tausende Siedler leben hier. Sehr unwahrscheinlich, dass Israel das akzeptiert.

Für Malek steckt dennoch viel Hoffnung in dem Masterplan, er erwartet, dass sich dadurch die Lage für die Palästinenser entspannt; zu viele internationale Institutionen und Organisationen hätten ihr Interesse daran bekundet und sich als Beteiligte ins Spiel gebracht. Passiere es aber nicht in naher Zukunft, dass die Ungerechtigkeit beseitigt werde, könne man Israel keine Sicherheit garantieren, so Malek. Und genau das ist es, was so wichtig ist für das Land und für die ganze Region.

Malek Abu Alfailat über mögliche Konsequenzen der ungerechten Wasserverteilung (eng.):

Während ich diesen Text geschrieben habe, im Herbst 2015, ist die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern wieder voll ausgebrochen…

Orts-Ausgangsschild einer kleinen Stadt auf den Golanhöhen

Orts-Ausgangsschild einer kleinen Stadt auf den Golanhöhen

Ein Kommentar

  • Ala Francis

    Hallo Stefanie,

    Interessant Behandlung hast du hier der Wasseroute zu folgen. (alles liegt unter dem Wasser oder über das Wasser). Das Wasserproblem hast du sehr gut behandelt aus verschiedenen Winkeln mit Schwerpunkt auf die ökologische Seite. (Ich sollte die Abschnite betreffend der Wasserverteilung aus dem Israelisch-jordanischer Fiedensvertrag „Wadi Araba“ vom 1994 noch lesen und die Konsequenzen die daraus entstanden in Betrachtung ziehen) .
    Gute Fotostrecke und sehr informativ.
    Lg

    ALA

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